05.07.2018  | Selfcare

Warum ich auf meinen Körper höre und, was ich ihm antworte

Vorweg: Ich bin kein Arzt und behaupte auch nicht, allgemein gültige Aussagen zu formulieren. Das hier ist nicht der Versuch einer Diagnose. Es handelt sich um eigene Erfahrungen, die zwar auch von Ärzten begleitet wurden, aber trotzdem hauptsächlich durch Probieren und Eigenbeobachtung gefestigt wurden!

Vor etwa 1,5 Jahren: Ständige Magenprobleme, keine Unverträglichkeiten festgestellt. Quälender Kopfschmerz trotz Brille und ausreichender Flüssigkeitsaufnahme. Kraftlosigkeit. Müdigkeit. Abgeschlagenheit. Stimmungsschwankungen. Piepen auf den Ohren. und dann Burnout, gefühlt aus dem Nichts und urplötzlich. Viel zu vielen Menschen geht es so. Der Körper ruft und schreit und brüllt, wirft mit allen möglichen Anzeichen um sich. Und wir… Ignorieren ihn. „Das schaff ich schon“, „Das ist morgen wieder weg“, „Das ist doch nix“ und viele weitere Floskeln sind die Antworten auf die Hilferufe des eigenen Körpers. „Ich kenne meinen Körper ja wohl“ wird bei vorsichtiger Kritik an der Selbstwahrnehmung erwidert.  Was auch ich stets geantwortet habe. Freunden gegenüber. Mir selbst gegenüber. Gerne auch mit der Begründung, dass andere ja noch viel mehr schaffen würden als ich und trotzdem nicht zusammenbrächen. Und was hab ich nicht probiert. Ernährungsumstellungen unterschiedlichster Arte und Weise (sicherlich grundsätzlich keine verkehrte Vorgehensweise), mehr Sport, weniger Sport, Ratgeber, Internetforen. Dann magenberuhigende Tabletten. Und letztlich verschrieb der Arzt mir Antidepressiva.

Im Nachhinein ist der Verlauf ganz offensichtlich und nicht gerade positiv zu bewerten. Von der Umstrukturierung des Alltags im Hinblick auf die Ernährung und Aktivität bis hin zum Tablettenkonsum (tatsächlich genommen habe ich "nur" pflanzliche Mittel). Sicherlich keine Seltenheit heutzutage. Es geht schließlich fast ausschließlich darum, zu funktionieren. Und zwar nicht für sich selbst. Sondern vor allem für die Arbeit. Schaffe ich zwei Jobs gleichzeitig? Logo, andere packen das ja auch! Ob ich die Präsentation erstellen würde? Klar, hab ja das entsprechende Programm und Know-How. Ob ich spontan an meinem freien Tag einspringen kann? Ja klar, hätte man ja schließlich auch für mich gemacht. Ob ich vielleicht zusätzlich noch kleine Aufgaben übernehmen möchte? Auf jeden Fall, ich bin schließlich ein motivierter Mensch und möchte meine Arbeitsbereitschaft unter Beweis stellen. Ob ich etwas früher kommen kann, etwas länger bleiben kann? … Ihr kennt die Antwort. Und ich mache das dann auch jedes Mal gerne! Ich bin nämlich zudem einer der vermutlich wenigen Menschen, die sich bei ihrer Arbeit wohlfühlen.

Trotzdem ist es natürlich Zeit, die ich nicht für mich nutzen kann. Aber das gehört zum Job. Und ein Job gehört irgendwie zum Leben. Aber ist das Hinnehmen dieser Tatsache der einzige Weg? Ich hielt die erste (nicht pflanzliche) Tabletten gegen die Depressionen in der Hand. Schaute sie an . . . und fasste einen Entschluss: Nicht mit mir! Das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein, oder?! Dass der Teil von mir, der mich trägt und mich leben lässt, in dem mein Herz schlägt - dass dieser wesentliche Teil, mein Körper, dafür hinhalten muss, dass mein Hirn sagt „Mach!“. Und das nur, weil die Gesellschaft es ihm eintrichtert. „Mach, denn sonst bist du schlecht und versagst!“ (Ganz grob definiert). Meine Masterlösung: Schmeiß den Job hin und führe ein Leben auf der Reise. Scherz. Das klingt zwar echt verlockend, aber mal ehrlich, das ist ja auch nicht immer zwangsläufig das, was man möchte. Das komplette Gegenprogramm.

Wie steht es dann um das Geld, um die Familie und überhaupt um alles, was man sich bis dahin aufgebaut hatte? Nicht gut. Richtig. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, mich nicht hauptsächlich auf mein Arbeitsleben zu konzentrieren, sondern im Gegenzug meine Freizeit umzugestalten, indem ich in diesen Zeitfenstern lausche, was mein Körper mir sagen möchte. Sehr häufig höre ich auf andere Menschen und ihre Wünsche und Bitten. Wenn ich nicht arbeite, wollte ich ab sofort mal hören, was mein Körper mir zu sagen hat. So hatte ich das Gefühl, zumindest einen Kompromiss einzugehen. Dieses Projekt funktionierte nicht von jetzt auf gleich. Es dauert einige Zeit, bis man die Sprache des Körpers verstehen kann, wenn man stets perfekt darin war, sie zu überhören. Aber letztlich konnten wir miteinander kommunizieren - meine Gedanken mit den Gefühlen meines Körpers.

Ich zähle mal auf, was er mir u.a. sagte

Ich hab Magenschmerzen

Ich habe Kopfschmerzen

Ich habe Hunger, aber keinen Appetit

Meine Beine fühlen sich schwer an

Das waren einige der Gefühle. Und dann nahm ich mir vor, die Gedanken dazu zuzulassen. Stets unterdrückt, ausgeblendet. Aber ich ließ sie alle zu und gestand mir ein, was ich aufgrund meines Körpergefühls dachte.

Ich bin unmotiviert

Ich habe keine Lust, morgen wieder aufzustehen

Ich kann mir nicht vorstellen, auch nur einen km zu joggen

Ich sehe keinen Sinn darin, irgendetwas in meiner Wohnung anzugehen (Dekorationsprojekte und Ähnliches)

Ich kann mich nicht einmal aufraffen, einem meiner Hobbys anzugehen, selbst wenn ich mehrere Stunden Zeit hätte

Ich möchte lachen und reden, habe aber keine Lust auf Kontakt zur Außenwelt

ich fühle mich überfordert, weil ich keine Lösung parat habe

So, Schluss mit Jammern. Aber das musste sein. Denn in der Zeit, in welcher ich mir diese Gedanken machte und sie auch zuließ, hatte ich bereits wertvolle Zeit damit verbracht, meinem Körper zu lauschen und zu verfolgen, welche Auswirkungen die Gefühle auf meine Gedanken hatten. Mir tat mein Körper plötzlich leid. Ich hatte ihm lange Zeit weder ausreichend Aufmerksamkeit noch Möglichkeiten zur Regeneration geboten. Ich arbeitete und wenn ich nicht arbeitete, dachte ich an die Arbeit. Das ist übrigens auch der springende Punkt: Die meistens unangebrachten Gedanken in unserer Freizeit. Hastig, schnell, sofort, perfekt.

Wo ist die Bewusstheit, wo der Genuss? Jeder hat einige freie Minuten am Tag. Aber nicht jeder nutzt sie so, dass sie seinem Körper zugute kommen. Und damit meine ich nicht die Tafel Schokolade, die man dann gelegentlich als Frustnahrung in sich hinein schlingt. Ne ne. Oder hat der Körper etwa jemals gerufen: „Ich benötige jetzt sofort Schokolade in großen Mengen, am besten zwei Tafeln am Stück!“?? (Ich gestehe, hin und wieder könnte ich schwören, zu hören, dass er genau das sagt) Im Normalfall sind es andere Hilferufe. Gehen wir das Ganze mal anhand eines Beispiels durch. Ich höre, dass mein Körper sagt, dass er Kopfschmerzen hat. Bis ich das bewusst gehört hatte, hatte ich mich schon fast mit ständigen Kopfschmerzen abgefunden. Dann aber überlegte ich mir eine Antwort (natürlich nicht möglich, wenn eine andere Ursache als Stress dahinter steckt!).

Und das Finden der Antwort war ein längerer Prozess, denn ich musste probieren. Ausgangslage: Mein Kopf tut weh. Okay, also werde ich heute Abend mal eine Stunde früher ins Bett gehen. Vielleicht brauche ich mehr Schlaf. Jeden Abend eine Stunde früher und ich fühlte mich direkt besser. Kopfschmerzen hatte ich dennoch gelegentlich. Also weiter suchen. Mein Nacken war bestimmt auch total verspannt. Selbstmassage ist schwierig. Also suchte ich mir Übungen zur Entspannung, übte mich in kurzer Meditation und unternahm hin und wieder, wenn es sich einbauen ließ, Dinge, die mich generell entspannten, wie beispielsweise kurze Spaziergänge. Nicht bloß einmal. Regelmäßig. In Verbindung mit Dingen, die ohnehin erledigt werden mussten: zum Briefkasten laufen, einkaufen, Altglas wegbringen. Sowas halt. Und beim Spazieren achte ich nun stets auf meine Umgebung. Hunde, Menschen, Pflanzen. Zack. 20 Minuten nicht an die Arbeit gedacht und meinem Körper etwas Gutes getan. Wunderbar. Und ja, es hat gedauert, ist sicherlich auch nicht bei jedem möglich und variiert auch je nach Stresspegel, aber derzeit leide ich nicht mehr unter Kopfschmerzen! Beispiel zwei. Ich habe Hunger, aber keinen Appetit.

Plötzlich hatte ich einen ausschlaggebenden Einfall: Was, wenn ich nur keinen Appetit auf das hatte, was ich gerade im Haus hatte? Weil ich es immer kaufte, weil es ja schnell ging und man nicht viel überlegen musste. Ständig der gleiche Käse, das gleiche Gemüse und so weiter. Ich versuchte gaaaaanz doll in mich hinein zu hören. Was wollte mein Gaumen gerne haben? Oh, Rucola. Zutat eins. Hat gar nicht lange gedauert. Diese Appetitreise endete dann mit einen Gnocchi-Rucola-Salat. Ihr habt keine Zeit dafür? Das dauert nicht lange! Und wenn es euch zu doch zu lange erscheint, ganz ehrlich, man darf auch hin und wieder mal „schummeln“ - ne Tiefkühlpizza mit Rucola tut es dann halt ab und zu auch mal. Wenn ihr sie zu Fuß besorgt! 😀  Macht die Spaziergänge zu Gedankenreisen. Überlegt, welche Gerichte es noch mit Rucola gibt, ob man auch Lust auf einen anderen Salat hätte, welche Salatvarianten man kennt, wann man zuletzt einen richtig guten Salat gegessen hat, wo man ihn gegessen hat, mit wem man dort war ….

Schaltet ab! Lasst zu, dass eure Gedanken schweifen - euer Körper wird es euch danken! Ich führe seit meiner Erkenntnis ein weitaus achtsameres Leben. Ich habe vielleicht mit Ach und Krach noch die Kurve bekommen. Vielleicht, weil ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, auf meinen Körper zu hören und nach Antworten für ihn zu suchen. Ich habe gelernt, dass ein ständiges Stöhnen mich nicht fit oder glücklich macht. Ich habe außerdem gelernt, dass ich trotzdem nicht die Welt verändern kann. Aber ich kann klein anfangen. Ich kann bei mir selbst anfangen. In meiner Freizeit, und sei sie noch so kurz. Daher lautet mein Appell an euch wie folgt: Hört auf euren Körper! Das hat schon einen Grund, wenn er ächzt unter der Belastung. Versucht, den Grund ausfindig zu machen. Wenn ihr ihn nicht beheben könnte, versucht, alles herum so zu gestalten, dass zumindest in diesem Bereich eine Entlastung eintritt und euch für den Alltag stärkt.

Ja, und wäre man nur für sich, dann ist das ja noch das Eine. Ich weiß sehr wohl, dass noch so viele weitere Faktoren einen Einfluss auf das eigene Befinden ausüben. Partnerschaft, Kinder, Familie, Freunde und und und. Und ich möchte um Himmels Willen niemandem etwas unterstellen, der fürchterlicher Weise ein Burnout durchstehen muss, oder ihm gar zu nahe treten! Ich berichte lediglich, wie es mir ergangen ist. Ich wünsche euch ganz viel Kraft, Achtsamkeit und ein gutes Gespür für euren Körper. Und zwar jetzt sofort. Denn, wie Alexandra Reinwarth (Buchautorin) sagt: Das Leben ist zu kurz für später! Wenn ihr noch irgendetwas von mir wissen wollt, kontaktiert mich gerne jederzeit!

Einige meiner Ideen für einen achtsamen Alltag findet ihr in dem Blogartikel „Meine Glücksmomente für einen achtsamen Alltag“. Update etwa 1,5 Jahre später - ein ehrliches Geständnis: Obwohl ich all diese interessanten, sicherlich klugen Ideen formuliert habe, habe ich es nicht geschafft, ihnen selbst nachzukommen. Ich nahm Schmerzmittel und konsumierte Alkohol (in Maßen, aber häufiger denn je), um mich zu betäuben und die Schmerzen zu bekämpfen. Bis bald kein Schmerzmittel mehr dagegen an kam - Ich habe die Rechnung für mein verlorenes Körpergefühl erhalten und bin am Guillain-Barre-Syndrom erkrankt. Ich habe die Krankheit überlebt und mich mit den vermutlich dauerhaft bleibenden Spätfolgen abgefunden. Aber vor allem ist eines mit mir passiert: Ich bin aufgewacht. Bitte bitte bitte - werdet nicht erst krank! Wacht auf, bevor ihr flachliegt! Ihr habt nur ein Leben 🙂

Der Schock sitzt mir noch tief in den Knochen, aber ich hoffe, dass ich meine neue Bewusstheit auch in Zukunft beibehalten kann, irgendwann ohne die Angst im Nacken. Ich habe meine erneut meine Ernährung umgestellt - diesmal vegan (weil ich persönlich mich selbst dann automatisch gesünder ernähre) - , gehe bewusst bei Wind und Wetter zu Fuß zu Arbeit (halbe Stunde hin, halbe zurück), "zwinge" mich zu Freizeitaktivitäten, selbst wenn gefühlt keine Zeit dazu übrig bleibt, und, und das ist soooooo wichtig, ich bin EHRLICH ZU MIR SELBST. Ich gebe zu, wenn ich müde bin. Ich gestehe mir ein, wenn ich nen Kacktag habe. Ich gebe es zu und ich spreche es aus. Ich bin nicht mehr der Allzeit-Motivations-Gute-Laune-Mensch. Überwiegend! Aber ich erlaube mir meine Hängerchen, verkrieche mich kurz im Bett und schnappe dann nach der Motivation, sobald sie vorbeiläuft, und mache aufgewärmt weiter 🙂

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