12.10.2019  | Selfcare

Größenwahnsinn

„Hilfe!“, schrie ich aus der Umkleidekabine. Man hatte mir 30 Minuten zuvor gesagt, würde ich Hilfe benötigen, so sollte ich einfach schreien. Gesagt, getan, eine nette Dame war sofort bereit, um mein Anliegen entgegenzunehmen. „Sagen Sie, haben Sie die auch in XL?“, fragte ich und hielt ihr meine Traumjeans entgegen, „bei dieser hier bekomme ich den Knopf nicht zu.“ Ich. 27 Jahre alt, 1,69 m groß und 65 kg schwer. Ich bekam bei L den Knopf nicht zu. Ich schaute mich im Spiegel der Kabine an, während die Verkäuferin das Lager nach der Hose in XL durchsuchte. Ich zog den Bauch ein. Den Po kann man ja irgendwie nicht einziehen. Ich spannte ihn an. Stellte mich gerade hin. Und dann schüttelte ich den Kopf, ließ die Schultern hängen und streichelte mir liebevoll über meinen Bauch und den dazugehörigen Rettungsring. Dass diese beiden nur im Doppelpack zu haben sind und das auch ok ist, habe ich sehr lange Zeit nicht akzeptieren wollen. Ich hole ein wenig aus. Vielleicht auch ein wenig mehr. Denn dieser bauchstreichelnde, zufriedene Mensch, der auch mit Hosengröße XL nach Hause gegangen wäre, der war ich nichtimmer.

Nach meinem Abitur lagen die Nerven blank. Ich konnte nicht Bahn fahren oder alleine ein Geschäft betreten, ohne dass Panikattacken mich heimsuchten. Wie es mir ging? „Gut“, sagte ich stets. Auch mir selbst. Im Nachhinein sieht man vieles sehr viel klarer. Meine Eltern schlugen mir ein freies Jahr vor, um mich und meinen Weg zu finden. Dankbar nahm ich das an, verbrachte viel Zeit mit meiner Familie und wollte die Gelegenheit bei den Hörnern packen: Ich meldete mich zum ersten Mal in einem Fitnessstudio an und stellte meine Ernährung um. Zunächst nur auf Vollkorn, statt hellem Pampfmampf. Irgendwann lowcarb. Aus drei Mal die Woche Sport wurde täglich. Aus einer Stunde Sport wurden zwei. Ich verlor 12 Kilo in 5 Monaten. Die ersten Kilos waren quasi noch ein Versehen, aber ich als bemerkte, wie schnell Erfolge eintraten und wie schön sich die Kontrolle anfühlte, umso mehr wurde es zu meiner eigenen Challenge. Heimlichen Challenge. Bald zog ich für mein Studium nach Flensburg und bemerkte schnell, dass nun kaum einer noch bemerken würde, ob und wie viel ich aß. Darin witterte ich meine Chance. Aus drei Mahlzeiten am Tag wurden bald zwei, daraufhin eine. Irgendwann aß ich nur noch einen Apfel am Tag.

Und den gestattete ich mir auch erst, wenn ich vorher zwei Stunden auf dem Crosstrainer verbracht hatte. Die Pfunde schmolzen, ich passte endlich in die Hosen, von denen ich es mir so wünschte, ich konnte die Shirts in die Hose stecken, ohne dass man Speckröllchen an der Hüfte sah. Ich hatte das erreicht, wovon ich schon immer geträumt hatte. Ich war nie übergewichtig. Aber ich war immer gut gerundet, sagen wir es mal so. Ich aß schon immer gerne und Essen war quasi meine Antwort auf alles; Stress, Kummer, Freude, Liebe … Und nun endlich hatte ich es geschafft, ich sah fast so aus wie die Mädchen, die ich mein Leben lang um ihre Figur beneidet habe. Schwäche kam zunächst nicht auf. Ich war stets voller Adrenalin. Morgens Crosstrainer, mittags Situps, abends Liegestütze. Zwischendurch schoss ich Bilder von meinen dünner werdenden Beinen, von meinen sichtbar gewordenen Rippen. Mein Körper hatte von den Jahren zuvor so viele Reserven, dass sich die körperliche Schwäche erst bemerkbar machte, als das Studium anstrengender wurde und mehr und mehr Kraft und vor allem Konzentration einforderte. Ich bekam gerade noch die Kurve. Ich begannwieder mit dem Essen und erhöhte dafür mein Sportpensum. Ich nahm zu. Im Nachhinein logisch, denn ich bot meinem Körper nun etwas, um Muskeln aufzubauen. In dem Moment war es für mich jedoch fürchterlich. Die ersten Hosen passten bald nicht mehr. Ich hatte mich jedoch wieder so an den Geschmack von Essen gewöhnt, dass mir der Verzicht schwer vorkam.

Also begann ich damit, Essen zu kauen und anschließend auszuspucken. Wenn ich heute daran denke, wenn ich diese Zeilen nun tippe, fasse ich mir an den Kopf. Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer. Auch aus dieser Phase kam ich aus eigener Kraft wieder raus. Ich ernährte mich wieder kohlenhydratarm und verbannte die Hosen in Größe 34 / 36 in den Keller. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte die Sache damit abgeschlossen. Zu viele wunderschöne schlanke Menschen liefen tagtäglich an mir vorbei und erinnerten mich nun nicht nur an das, was ich immer gerne wollte, sondern außerdem ja an etwas, was ich nun kürzlich sogar hatte. Und jetzt nicht mehr. Versteht ihr? Dieses Wissen, dass man ja auch mal so aussah. Genau so, wie man wollte. Figur, Essen und Kleidung war für mich alles. Ich vergaß die wirklichen Werte des Lebens. Die Waage war heimlich noch immer mein bester Freund. Kalorienzählen wurde mein Hobby.

Eine Smartwatch erinnerte mich an die täglichen Sporteinheiten. Ich aß wieder einigermaßen vernünftig, aber ich war Sklave meiner Idealvorstellung. Die Bachelorarbeit lag an, ich ging fürs Praxissemester in die Schule, ich begann den Master, ich schloss ihn ab. Essen geriet in den Hintergrund. Aber es war nie weg. Ich führte immer mal zeitweise Monodiäten durch, Saftfasten, Verzicht auf Süßigkeiten, Verzicht auf alles, wo Zucker drin war. Irgendwie war es immer präsent, das Gewicht. Diese Zahl auf der schwarzen Platte, die erst hin und her schwankte, bis sie feststand und blinkte. Ich schob die Waage meist noch einmal an eine andere Position, in der Hoffnung auf eine schönere Zahl. Das Ergebnis bestimmte häufig die Laune für den gesamten Tag. Ich konnte quasi stolz auf mich sein oder eben nicht. Aus Frust über ausbleibenden Erfolg gab ich es irgendwann auf. Ich wog mich seltener bis gar nicht mehr und aß alles, worauf ich Lust hatte. Schnell hatte ich das Gewicht von der Zeit vor meinem freien Jahr wieder drauf. Ich fand mich damit ab, denn ich war müde. Müde von dieser ewigen Reise ohne Aussicht auf eine Pause oder gar eine Ankunft am Ziel. Aber zufrieden war ich nie mit mir.
 


Warum ich dir das alles erzähle? Weil ich dir jetzt sage, wie ich heute denke. Und weil ich dir sage, wie es zu diesem neuen Gedanken gekommen ist. Und weil du feststellen sollst, dass es eigentlich viel zu spät zu diesem Gedanken gekommen ist, und es dir vielleicht ähnlich geht und du vielleicht schlauer bist als ich zu dem Zeitpunkt. Vielleicht bevor du krank wirst! Einige kennen meine Geschichte vielleicht, aber ich packe die alte Leier wieder aus, weil sie einfach sehr wichtig dafür ist. Ich bin am Guillain-Barré-Syndrom erkrankt. Meine Nerven wurden vom eigenen Immunsystem angegriffen. Ich konnte kaum noch gehen, hatte keine Kraft mehr, um meine Hände zu schließen, war von Fuß bis zum Bauchnabel fast vollständig gelähmt, außerdem im Gesicht gelähmt, konnte zeitweise nicht essen und nur trinken, wenn ich mir den Mund zuhielt, damit das Wasser nicht wieder rauslief, konnte nur schwer sprechen und hatte aufgrund der entzündeten Hirnnerven die Schmerzen meines Lebens, schlief wochenlang nicht länger als wenige Minuten am Stück.

Ich lag im Krankenhaus und war anschließend zur Reha. Es gibt deutlich schwerere Verläufe als den meinen, ich kann mich also noch glücklich schätzen. Aber es war kurzgefasst einfach fürchterlich. Ich nahm natürlich ab. Das war für mich der einzig positive Effekt. Ich rutschte gedanklich schnell wieder in die alte Schiene. Und dann plötzlich schlug es bei mir ein wie ein Blitz. „Bist du denn eigentlich bescheuert?“, schrie ich mich innerlich selbst an. „Du lebst, verdammte Scheiße! Du hast Menschen, die sich um dich kümmern, dich lieben, du kannst vermutlich bald wieder laufen, jedes verfluchte Regenwetter genießen, deinem Job weiter nachgehen, wieder einen Stift halten und malen, du LEBST! Und du denkst ernsthaft darüber nach, wie du dünn bleiben kannst? Was ist bloß verkehrt mit dir…“ Und ich hatte Recht. Haha. Da musste ich mir selber mal zustimmen. Ich hatte viel zu viel Zeit meines Lebens damit verschwendet, hinter etwas herzulaufen, anstatt das, was mir gegeben war, wertzuschätzen und zu genießen. Klar, ich war auch vorher achtsam, genoss die kleinen Dinge des Lebens und war ein quirliger Gute-Laune-Mensch.

Aber ich war nie in der Lage, mich selbst zu lieben, so wie ich war, und einfach froh zu sein, dass ich war. Ich brauchte dazu erst diese Erfahrung. Und das ist eigentlich bitter. Ich wurde in meiner Familie immer geliebt. Mir wurde nie das Gefühl gegeben, zu dick zu sein oder ähnliches. Ich tat das alles selber. Und wozu? Da ich im Zuge der Krankheit mein Körpergefühl komplett verloren hatte, schwor ich mir eins: Stina, sei nie wieder so undankbar. Liebe deinen Körper und pflege ihn. Verwöhne ihn. Er ist im Grunde, alles was du hast und alles, was du brauchst. Ok, ich gestehe, als ich wieder fit wurde, gab’s erstmal viel Eis und Pizza. Das musste einfach sein. Aber dann nutzte ich die zweite Chance, die mir gegeben wurde. Ich stellte zum ich weiß nicht wievielten Mal meine Ernährung um. Aber diesmal nicht auf abnehmen, sondern auf gesund. Ich ernähre mich nun vegan, aus umweltlichen und gesundheitlichen Gründen, koche regelmäßig (ja, das habe ich vorher sehr selten getan, der Stulle sei dank) und gehe bewusst viel spazieren. Und: Ich scheiß auf die Größe der Kleidung, die ich trage. Und ich scheiß drauf, ob mein Po darin groß aussieht oder unförmig. Das, was mir jetzt bei meinem Outfit noch wichtig ist, ist, dass es mir gefällt. Und nicht irgendwem anders. Ich habe zum ersten Mal wirklich zu mir selbst gefunden und herausgefunden, was mir gefällt, und verdammt noch Mal den Mut gefunden, das einfach zu tragen, weil ich mich darin wohl fühle. Mit 27 Jahren, Leute, nach GBS. Man man man. Aber besser spät als nie. Ich wiege mich inzwischen nur noch ein Mal im Monat. Und dann eher aus Neugierde. Und ab und zu gehe ich am Spiegel vorbei, bleibe kurz stehen, zucke dann mit den Schultern und denke „Hm, gut schaust du aus hihi“. Was ich nur immer noch so fürchterlich finde, ist, dass die Gesellschaft nach wie vor falsche Bilder von Schönheit vermittelt.

Und ich meine damit nicht, dass man ausschließlich schlank sein soll. Auch sehr schlanke Menschen, haben ihre Schwierigkeiten, weil sie nicht so viel Busen haben, wie sie wollen, weil sie gerne mehr Hintern hätten. Jeder mäkelt ja gerne mal an sich herum. Aber bei meiner Erfahrung in der Umkleidekabine hab ich wirklich gedacht, dass das doch nicht angehen kann. Mich würde ja nicht stören, wenn ich XL tragen würde. Wenn darauf noch weitere Größen bis, was weiß ich, 6XL folgen würden. Wenn der Maßstab ein anderer wäre. Aber nein, bei XL hört es auf und nicht nur das - XL war natürlich auch nicht im Laden verfügbar. Ach Leute, ernsthaft? Da versucht man vielleicht schon, sich im Socialmedia-Bereich NICHT die krassesten Models als Vorbilder zu nehmen, sondern bewusst Bloggern zu folgen, die weniger Wert auf die Figur als aufs Glücklichsein legen, und dann geht man ins Geschäft, weil man auch probieren möchte, einfach glücklich zu sein, und bekommt keine Hose, weil man es endlich geschafft hat, mehr als einen Apfel am Tag zu essen? Wow. Ich komme damit super klar. Inzwischen. Aber das Streben nach irgendeiner Wunschfigur ist einfach noch viel zu sehr vertreten und wird genau durch solche Tatsachen noch angestachelt. Und das finde ich einfach doof. Doof, doof, doof. Und deswegen habe ich das hier getippt. Denn du darfst das auch doof finden, aber du darfst dich davon nicht zu sehr beeinflussen lassen.

Schätze deinen Körper! Lebe gesund und so, wie dein gesunder Körper aussieht, so ist er ganz wunderbar. Wirkliche Schönheit kennt keine Konfessionsgrößen.

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