17.01.2021 | Selfcare

Toxische Positivität

#goodvibesonly. Wer kennt ihn nicht, den Hashtag. Der Hashtag, der unter Bildern strahlender, vor Frohsinn strotzender Menschen prangt. Gute Laune, Lachen, Optimismus und nahezu grenzenlose Motivation überfluten die Socialmedia Kanäle. Daran ist zunächst auch nichts auszusetzen. Den Fokus auf das Positive im Leben zu richten, kann durchaus auch positive Wirkungen mit sich bringen. Dies ist aber nicht zwangsläufig und ausnahmslos der Fall. Kritisch zu betrachten sind die goodvibesonly nämlich dann, wenn sie einem suggerieren, alle anderen Gefühle seien zu ignorieren, zu unterdrücken, dass halt only good vibes „richtig“, „zulässig“ seien. In diesem Fall spricht man von toxischer Positivität. Ein Optimismus, der wie Gift wirkt. Warum tut er uns nicht gut? Weil wir Menschen eben nicht darauf ausgelegt sind, 24/7 365 Tage im Jahr die gleiche Emotion zu spüren. Unsere Gefühlslagen sind vielfältig, manchmal nicht einmal so richtig zu beschreiben. Selbst als gut gelaunter Motivationsmensch wirst du sicherlich Phasen kennen, in denen du traurig bist, unsicher, verletzt, krank, schwach. Und in eben solchen Momenten brauchen wir manchmal nicht unbedingt jemanden, der uns zu zeigen versucht, dass das Leben immer toll ist. Das kann uns das Gefühl geben, dass unsere negativen Emotionen „falsch“ seien, dass wir „falsch“ seien, weil wir sie empfinden. Wenn die da das schaffen, immer positiv zu denken, dann müsse man das ja schließlich auch schaffen. NEIN! Du darfst trauern, meckern, weinen, schreien. Gefühle zu unterdrücken, ist niemals richtig und erst recht nicht gesund. Dabei ist irrelevant, ob es sich um positive oder negative Gefühle handelt. Gefühle gehören ausgelebt. Im Grunde schaffen „die das da“ auch gar nicht, immer optimistische zu sein und Konfetti zu pupsen. Sie wollen nur, dass es so aussieht, als ob, weil Optimismus eben gerne gesehen wird. Goodvibes sind voll im Trend. Smile, behappy, choosehappiness, dontworrybehappy. Das kommt gut, das generiert viele Likes. Aber das reallife ist das nicht. Natürlich ist niemand gezwungen, seine schlechten Tage im Netz öffentlich zur Show zu stellen, nur um nicht all Day long so gut gelaunt zu wirken. Aber wir müssen uns immer bewusst sein, dass es sich lediglich um mit Bedacht gewählte Auszüge handelt.    „Vergiftungserscheinen“ treten häufig nach Aufenthalten in der Social Media Welt auf. Aber nicht ausschließlich. Auch im echten Leben gibt es Menschen bzw. dessen Reaktionen, die aufgrund ihrer zwanghaft optimistischen Einstellung, wenn man sie gerade nicht braucht, toxisch wirken können.

 
Symptome

Wie es bei bestimmten Giften möglich ist, so ist es auch bei der toxischen Positivität nicht selten, dass die Wirkung langsam, schleichend, zunächst unbemerkt eintritt. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass man einen Optimismus, der einem eigentlich nicht gut tut, noch bis zu einem gewissen Grad „ertragen“ kann. Man versucht, sich selbst mitunter auch selbst noch davon zu überzeugen, dass man nur eine andere Einstellung an den Tag legen müsse, bekämpft seine eigenen schlechten Gefühle noch eine Zeit lang. Vieles davon geschieht über einen gewissen Zeitraum unterbewusst. Manchmal spüren wir irgendwann Gräuel, Ärger, Unwohlsein und können das gar nicht direkt zuordnen, begründen. Bis man an den Punkt gelangt, an dem man denkt oder brüllt „Du mit deinem Sch*** Optimismus - Das geht mir aufn Sack!“ Dann war es zu viel. Dann ist das Fass übergelaufen. Wir bemerken teilweise schlagartig, was uns tatsächlich so nervt. Und das sind dann weniger unsere eigenen, ursprünglichen negativen Gedanken, sondern halt viel mehr die Tatsache, dass irgendjemand uns ständig versucht, deutlich zu machen, dass es keine schlechten Tage gibt, dass eben solche Gedanken verdrängt werden sollten, verstaut gehören in die hintersten Ecken unseres Bewusstseins. Und genau das ist das Fatale an der toxischen Positivität - sie wirkt wie ein Verstärker auf unsere schlechte Laune. Dadurch, dass uns unterbewusst suggeriert wird, unser (zwischenzeitlicher) Pessimismus sei falsch und verboten, verdrängen wir und es geht uns schlechter, obgleich der eigentliche Grund unserer schlechten Laune unverändert geblieben ist, vielleicht sogar bereits verschwunden. Und ehe wir uns versehen, sind wir übellaunig, obwohl wir gar keine Ursache dafür ausmachen können. Klar, denn einen tatsächlichen, greifbaren Grund gibt es nun gar nicht mehr immer, stattdessen tritt die Wirkung des Gifts ein, das man permanent zu sich genommen hat, ohne es zu bemerken.    Hier sind einige Beispiele, die dafür sprechen könnten (!), dass du unter den Auswirkungen toxischer Positivität leidest.    
Wenn du optimistische Posts auf Social Media Kanälen siehst, scrollst du bewusst schnell weiter und denkst „Boah ne, nicht schon wieder“ 
Du liest motivierende Messages und wirst wütend oder noch trauriger
Du hast das Gefühl, mit deinen negativen Gefühlen allein zu sein, dass niemand sonst solche Gefühle zu haben scheint
Du fühlst dich unverstanden und nicht ernst genommen, wenn du jemandem von deinen Sorgen berichtest, und dein Gegenüber dann versucht, dich aufzuheitern, zu motivieren
Jeglicher Optimismus wirkt auf dich geheuchelt und nicht authentisch 
Dich quält das Gefühl, dass du dich niemandem gegenüber öffnen kannst, weil es denen augenscheinlich eh immer gut geht und sie dich deshalb nicht verstehen würden
Du bemerkst, dass du deine gute Laune vortäuschst, und du hast das Gefühl, dass du das tun musst
Du bist davon überzeugt, dass Andere dich weniger mögen würden, wenn du mal keine gute Laune hast. 


Behandlung

Zumeist ist es jedoch möglich, sich durch entsprechende Maßnahmen selbst wieder zu heilen. Natürlich klären sich damit die eigentlichen Probleme im Leben nicht, aber die Wirkung des Gifts der Positivität schwächt ab und du erlangst wieder einen klaren Blick auf deine eigentliche Gefühlslage und ihre Ursachen.  Im Folgenden erhältst du ein paar Vorschläge, wie du dich vor toxischer Positivität schützen oder dich von ihr erholen kannst.   Teile deine Sorgen mit Menschen, von denen du dich verstanden fühlst. Zumeist sind dies Menschen, die dir nicht floskelhaft erklären, dass es auch wieder besser wird, sondern Einfühlungsvermögen zeigen. Sie machen dir deutlich, dass sie dich verstehen, und dass sie für dich da sind, lassen dir und deinen negativen Gefühlen Zeit und Raum, bevor es an konstruktive Lösungsvorschläge geht. 
Führe ein Tagebuch, in welchem du auch „schlechte Tage“ festhältst. Notiere dir dort positive wie auch negative Gefühle. Versuche, sie so gut es geht zu beschreiben. Zumeist hilft man sich damit auch selbst schon ein bisschen. 
Wenn dir nach Weinen zumute ist, lächle nicht zwanghaft in den Spiegel, um dich selbst zu motivieren, sondern weine. Lass es raus. Manchmal ist das anfangs schwierig und / oder ungewohnt. Hin und wieder ermahnt man sich auch selbst, weil man der Meinung ist, die eigenen Probleme seien gar keine Tränen wert. Aber das ist verkehrt. Wenn dir selbst danach ist, zu weinen, dann ist da etwas in dir, was gerne raus möchte.
Wertschätze, dass du in der Lage bist, differenziert zu empfinden. Verurteil dich nicht für Trauer und schlechte Laune. Selbst, wenn alle dich als fröhlichen Menschen kennen, darfst du das auch mal nicht sein, ohne direkt ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Du bist niemandem auf der Welt eine bestimmte Emotion schuldig!
Sei dir selbst gegenüber ehrlich. Es genügt nicht, nur im Social Media der toxischen Positivität aus dem Weg zu gehen. Wenn du dir selbst gegenüber deinen üblen Launen verdrängst, wird es dir nicht wesentlich besser gehen. Da man ja häufig selbst sein eigener, größter Kritiker ist, ist die Selbstakzeptanz wohl mit der anspruchsvollste Schritt. Denk immer daran: Gefühle, die nicht ausgelebt werden, stauen sich an. Weiter und weiter und weiter. Und irgendwann platzt dann eine Bombe und man wünscht sich, man hätte seine Emotionen viel früher, viel kontrollierter ausgelebt. 
Entfolge Profilen im Social Media Netzwerk, die dich mit ihren optimistischen Bildern, Sprüchen etc. eher nerven als motivieren, oder nicht authentisch auf dich wirken 
          Merke dir bitte: Optimismus ist jetzt deswegen nicht schlecht! Lass dich motivieren und inspirieren. Aber nur, wenn es dir gut tut. Auch bedeutet es nicht, wenn etwas bei dem oben genannten Punkten (Verdacht auf „Vergiftung“) auf dich zutrifft, dass du zwangsläufig „vergiftet“ worden bist und / oder unverzüglich Maßnahmen ergreifen musst. Optimismus ist etwas ganz Wunderbares! So lange du dich gerne davon berieseln und inspirieren lässt, so lange es dich zum Lächeln bringt, fröhlich macht oder wieder aufmuntert. Solltest du aber bemerken, dass eher das Gegenteil der Fall ist, ist es empfehlenswert, sich einmal konkret mit sich selbst auseinander zu setzen und die Möglichkeit der toxischen Positivität als Ursache zumindest in Betracht zu ziehen.   


Prävention

Es gibt jedoch hinsichtlich dieser Thematik nicht nur die Opferrolle. Manchmal rutscht man auch ganz unbewusst in die Täterrolle und vergiftet andere Menschen unabsichtlich. Wenn du zum Beispiel bei Instagram aktiv bist und dort sehr für Optimismus plädierst, hast du vielleicht auch Follower, auf welche es toxisch wirken kann. Oder bist du selbst vielleicht auch im privaten Umfeld jemand, der auf Probleme Anderer stets mit „Ach, morgen sieht die Welt schon wieder besser aus“ oder „Na, im Vergleich geht es dir doch gar nicht so schlecht“ oder „Deine Probleme möchte ich haben“ reagiert? Na klar, das meinst du vermutlich nicht einmal böse. Und auch im Netz kommt dein Optimismus vermutlich gut an und du solltest ihn auch nicht ablegen. Dennoch sollten wir achtsamer gegenüber unserer Mitmenschen handeln. Und dies kannst du zum Beispiel so tun:     Wenn du dich an schlechten Tagen vor deinen Followern nicht zeigen magst, erkläre ihnen vielleicht trotzdem ggf. an guten Tagen hin und wieder, dass es dir manchmal schlecht geht. Kläre darüber auf, dass Social Media einen ausgewählter Abschnitt bestimmter Situationen und nicht das tatsächliche Leben widerspiegelt
Baue neben #behappy #goodvibesonly #smile auch mal #itsokaynottobeokay #dubistgutsowiedubist #allfeelingsaccepted Hashtags und Posts in deinen Feed oder deine Stories ein
Nutze deine Reichweite, um für das Thema „Toxische Positivität“ zu sensibilisieren
Achte auch im privaten Umfeld auf die Reaktionen deines Gegenübers, wenn du versuchst, ihn zu motivieren. Manchmal brauchen Menschen einfach nur jemanden, der sagt, dass er sie versteht, und nicht, dass morgen alles besser sein wird
Kommunikation ist das A & O. Frage deine Freunde und Familie, was ihnen gut tun würde, was sie sich gerade wünschen .



#dubistgutsowiedubist
#itsokaynottobeokay
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Ich bin kein Arzt. Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Hilfe. Wenn du an Depressionen leidest und / oder auf der Suche nach Hilfe bist, setze dich bitte mit einem Experten in Verbindung. Danke. 

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