Die Menschen und das Essen

Hunger. Appetit. Viele können beides gar nicht mehr voneinander unterscheiden. Ich schon, es ist ganz einfach. Ich habe immer Appetit und dadurch esse ich so oft, dass ich eigentlich nie Hunger habe  Umso frustrierender war für mich die Zeit, in der ich aufgrund der Gesichtslähmung so gut wie gar nichts essen konnte. Und auch nicht wollte. Da hatte ich Hunger, aber keinen Appetit.

Aber nun geht es mir von Tag zu Tag besser. Die Kilos kommen alle winkend wieder. Vor Kurzem habe ich meine Reha-Kur angetreten. Und ich weiß schon nach wenigen Tagen: Wenn Essen irgendwo einen noch höheren Stellenwert einnimmt als in meinem Kopf, dann hier! Die aushängenden Essenspläne werden studiert, bevor an der Begrüßung teilgenommen wurde. Der Speisesaal wird erkundet, bevor man eine Ahnung davon hat, in welchem Zimmer man landen wird, in welcher Etage, was sage ich, in welchem Gebäude! Das Funkeln in den Augen verrät, dass man nach Finden des Speisesaals auch ohne Zögern gern dort verharren würde, bis die Türen sich öffnen. Nur, dass man nichts verpasst, alles begutachten kann oder nachher noch den Weg nicht wieder dort hin findet!

Widerwillig schlurfen dennoch die meisten zunächst den Schwestern hinterher und der Gesichtsausdruck macht deutlich „Dann zeig mir halt mein Zimmer, wenn das so wichtig ist!“. Zumeist haben sie nach der Einweisung übrigens fünf Stunden Zeit, um den Weg wiederzufinden. Fünf Stunden, Leute! Die hätte man ja wohl auch mal stehen bleiben können. Lacher, wenn’s ums Essen geht. Und wisst ihr was? Ich finde das toll! Ihr müsst euch bewusst machen, dass diese Menschen ja nicht ohne Grund hier sind.

Sie sind krank, sie haben Schmerzen, Sorgen, Todesangst. Häufig sind sie alleine, schleppen sich von Therapie zu Therapie, den Zugang am Arm baumelnd. Aber dann gibt es da diese drei Spektakel am Tag. Frühstück, Mittag und Abendbrot. Man schaut im Vorwege, was angeboten wird, es entsteht Vorfreude. Diskussionen über die Angebote – zu wenig, zu viel, gab’s letzte Woche schon, heute mal vegetarisch, zu viel Gemüse, zu wenig Soße – bringen Menschen zusammen. Es wird also nicht nur gegessen, sondern auch kommuniziert. Und das finde ich wunderbar. Wenn ich meinen Blick beim Essen durch den Raum schweifen lasse, wirkt es kurz so, als säßen dort hunderte von gesunden, unbeschwerten Menschen.

Selbst die Grummeligsten unter ihnen scheinen beim Essen plötzlich wieder Kontrolle über ihre nach unten hängenden Mundwinkel zu erhalten, ich meine, sie lächeln nun. Dabei ist der Weg dahin nicht ohne! Da nämlich die Vorfreude grundsätzlich immer sehr groß ist, das Essen und die Plätze aber begrenzt sind, werden kurzer Hand alle Regeln eines humanen Miteinanders über Bord geworfen. Es geht ja schließlich nicht um irgendetwas, nech?! Da werden Gehstöcke zu Schubskonstrukten, Gehwagen zu Stolperfallen, Krücken zu Sprunghilfen, ich warte noch darauf, dass jemand sein Gebiss ins Essen wirft, frei nach dem Motto „angeleckt – meins!“.

Da kennen die plötzlich keine Grenzen mehr. Sie erinnern mich ein bisschen an Möwen, wisst ihr. Sie sitzen ganz friedlich auf den Masten der Segelschiffe, auf den Pfosten des Hafens und schnattern fröhlich miteinander. Bis, ja bis da einer n Stück Fischbrötchen fallen lässt. Dann ist aber Holland in Not! Da wird keine Sekunde gezögert, die Flügel werden wild geschlagen, das Schnattern wird zum Kreischen und ich höre nur noch „Meins, meins, meins, meins“. Mein Beileid dem Menschen, der dann versuchen muss, sein übriges Brötchen in Sicherheit zu bringen. Ja, so ungefähr ist das auch mit den Menschen und dem Essen.

Was zunächst scheinbar fröhlich und entspannt miteinander plauderte, schiebt sich allmählich immer dichter Richtung Saaltür und bricht Gespräche dann abrupt bei „und ich sag noch -„ ab und geht extrem schnell (das sieht lustig aus, denn sie wollen nicht laufen, aber halt sehr schnell am Ziel sein) Richtung Buffet. Dabei ist das gerade hier bei der Reha so irrwitzig, denn jeder, wirklich jeder kann sich am Abend einen Chip nehmen für das Gericht, welches er am nächsten Tag verdrücken möchte. Der Koch zählt am Abend, wie viele Chips pro Gericht fehlen, und kocht entsprechend viele Portionen (plus Spielraum). Seit Jahren, Leute, seit vielen, vielen Jahren. Und noch ist in der Reha hier keiner am Buffet verhungert, nehme ich an.

„Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal“, höre ich die Meute mich vorwurfsvoll tadeln. Und es kann ja außerdem passieren, dass man das sehr viel grünere Gras des Nachbarn sieht. Und sich spontan gegen sein gewähltes Chili und für den vegetarischen Auflauf entscheidet. Und dass so etwas passieren kann, hehe, das wissen sie alle! Skeptisch beäugen sie sich gegenseitig im Fahrstuhl. Jeder, der einsteigt, wird unweigerlich Opfer einer mehr oder weniger auffälligen Inspektion. Welchen Chip hat er dabei? Oder hat er so nen Wisch dabei, dass er neu ist? Ih, Neue! Die haben ja gestern nicht gewählt, oh weia, mein Essen! Hoffentlich nimmt er die Schonkost. Oder ist er alt genug, sodass er nur noch die Breikost schafft? Oh, der Fahrstuhl hält auf Etage 3, da steigen immer die ganz Schnellen dazu, die auch nicht zögern, ihre Ellenbogen einzusetzen. Es wird sich also so hingestellt, dass man bereits auf der richtigen Seite des Fahrstuhls aussteigen kann. Perfekt in den Startlöchern positioniert scharren die hungrigen Pferde mit ihren Hufen.

Der Fahrstuhl hält, die Türen öffnen sich und sie laufen. Run, boy, run. Oh, Saaltüren noch geschlossen. Na dann. Kann das freundliche Gespräch ja wieder aufgenommen werden. Aber Obacht, immer Obacht! Bald, ganz bald werden sich die Türen öffnen und dann muss man bereit sein. Wenn sich alles durch die Saaltüren gekloppt hat, ohne Rücksicht auf Verluste von Gehhilfen und Zugangskanülen, geht die Meuterei an den Buffets weiter. Und ich war so unwissend. Da kommt sie mit ihrer Beatmungsmaschine. Schwer atmend, langsam, sehr langsam. Sie würde ja doch Gefahr laufen, zu verhungern, denke ich. Selbstverständlich lasse ich die arme Dame vor. Ich habe schließlich Anstand und mit Chance auch noch mehr Zeit als sie.

Da nickt sie mir zu, stellt Wagen und Beatmungsgerät zur Seite, flitzt von Ausgabe zu Ausgabe und füllt sich ihre Tellerchen. Drei auf einmal! Da kann ich mir noch etwas abgucken. Hallo?! Ich muss noch so viel lernen… Das Schöne ist: Sobald alle einen Platz gefunden haben und die Entscheidung für das „falsche“ Essen (wären sie mal doch beim Chili geblieben) halbwegs überwunden ist, kehrt wieder Frieden ein. Sie essen, sie wirken besänftigt, die wilden Tiere. Sie haben alle ihr eigenes Fischbrötchen erhalten, die Möwen. Da lächeln sie. Und schnattern, während sie ihr Mittagessen genießen. So friedlich. Unterhalten sich sogar noch beim Verlassen des Saals, lachen und machen Scherze über das Essen. Bis viertel vor sechs. Da gibt es Abendbrot.

Hach ja. Die Menschen und das Essen.

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